'Willkommen zur Teetime bei Aktuelles'



Krimistunde


Die Dramen unser Zeit

Eigentlich schreibe ich nur ungern zur Zeitwahrnehmung. Die ja doch sehr individuell ist für jeden von uns in den Anforderungen an uns in den Terminen und Wartezimmern des Alltags. Den einen geht es nicht schnell genug, den anderen ist es gerade recht in der Entschleunigung umd mit Muße die Gegenwart zu betrachten. Hinzu kommt eine gewisse Veränderung mit den Lebensjahren, der ungeduldigen Jugend und in den schon bequemen Altersansichten.
Aber da muß ich doch aus meinem Sessel gehupft mich dennoch erinnern zu einer Lesung von mir vor einigen Jahren. Es waren den Nachmittag nicht so sehr viele gekommen und die Lesestunde schnell vorbei, ganz anders dieser Tage in denen die Neugier zur Unterhaltung treibt. Am liebsten darum befragt ist unseren Gästen eine gepfefferte Krimistunde oder eine süffige Geschichte. Krimis sind der Renner auf dem Markt, gefolgt von derzeit erotisch feuchten Seiten die vor allem junge Damen ansprechen. Klamauk eben und nur wenig dichte in der Story. Und ich hatte zur Lesung natürlich nur ein paar Jugendbücher bei mir.

Aber zum Ressort der heutigen Krimis,
wie alle Vielleser arbeit man sich empor in hohen Stapeln von leichthin bis nahezu unververdaulich. Einige hab ich ebenso gerne gelesen in bekannten Schriften des Sherlock Holmes alias Conan Doyle, die Miss Marple Reihe und natürlich den schrägen Detektiv Marlow, aus einer türkischen Feder entsprungen. Unvergesslich auch den italienischen Tolpatsch und Ganoven, der den Finger nicht aus dem Revolverlauf kriegen konnte. Ein handlicher Eispickel im Sektkühler spielte auch aus New York berichtet eine besondere Rolle.
Aber vor allem Spionageromane des Forsyth und anderer Könner im Kalten Krieg der Literaturscene, die mit den Augen der Kulturbehörde kontrolliert eher übliche Gewalttaten hinter dem Eisernen Vorhang beschrieben, neben denen viele modische Bücher nur leidige Schundhefte und Groschenromane sind. Während im Ostblock endlich von Christa Wolf veröffentlicht werden durfte und nach dem Mauerbau es solche Taten ohne Aufklärung gar nicht geben durfte, und dort ein Serienmörder mehr als vierzig Menschen töten konnte, ohne das man ihm auf die Spur gekommen ist.

Die modernen Krimis aber scheinen an der Wirklichkeit in ihren Fantasien zumindest von mir nicht verstanden zu werden. Demnach müssten überall nur noch Psychopaten herumlaufen, und könnte man leicht eine fette Paranoia bekommen. Wie aber ganz real die Dramen geschehen zeigte sich ziemlich spontan bei uns im Land, als ein von allen Mitbeteiligten und Verantwortlichen in der Episode enttäuschter Vater 100 Kilometer zu einem Heim für Kinder fuhr, und dort ohne zu zögern die angestellten Betreuer, Psychologen und Sozialarbeiterinnen mit seiner Pistole erschoss. An diesem traurigen Tag waren realistisch sechs Mitarbeiter auf der Stelle tot.

Was sich in diesem Mann, dem die leiblichen Kinder von der Fürsorge entzogen wurden, und dessen Frau, die vorübergehend in einem Frauenhaus lebte, über Wochen oder gar Monate vorging bis zur eigentlichen Tat, würde mit allen Streitfragen und Klagen, mit allen Gedankengängen um die verlorene Liebe, der Lebensplanung in persönlicher Zukunft ganze Bände füllen. Jetzt füllt er die Akten. Der Vater von zwei Kindern hatte sich zudem als Politiker in seinen Wahlkreis aufstellen lassen, und nun war alles verloren.

Ihnen zur Leselust nicht den Frust darum,
und spannende Unterhaltung wünscht Ihnen,

Andreas H. Scheibner